Das (ungekürzte) Interview mit Anne Marie David aus dem Jubelbuch zu #60JahreSongcontest

Das (hier ungekürzte) Interview mit Eurovisionssiegerin ANNE MARIE DAVID für das Buch Friede, Freude, Quotenbringer #60JahreSongcontest (erschienen bei innsalz‾)  führte MAVE O’RICK:

60 Anne Marie David & Mave O'Rick (c) Frédéric Vigne

Mave O’Rick und Anne Marie David (c) Frédéric Vigne

Liebe Anne Marie, da wir uns seit 4 ½ Jahre persönlich kennen, wird das heute sicherlich kein “normales” Interview, sondern eher ein Gespräch. Apropos normal: Bei vielen Menschen, die dich kennen und verehren, hast du ein bestimmtes Image, nennen wir’s mal „verrückt“ (in positiver Weise). Denkst du auch, dass das mit deinem berühmten „irren“ Blick während deiner Auftritte zusammenhängt? Passt für dich dahingehend die Beschreibung als „verrückt“?

Nun, wenn wir über “Verrücktsein” sprechen, dann erinnert mich das an einen sehr guten Freund, der einer meiner norwegischen Background-Sänger war. Wir sprachen einmal genau über diese Sache und da sagte er zu mir: “Weißt Du, Anne Marie, es ist nicht notwendig verrückt zu sein, aber es hilft!“ Und weißt du was? Er hat recht! Ab meinem ersten Tag im Showgeschäft, merkte ich schnell, dass ich ein bisschen verrückt sein muss, um in diese Welt zu betreten. In dem Moment, in dem Du berühmt wirst, ändert sich alles um Dich herum – Du wirst dann auch nicht mehr „normal“ behandelt. Wenn Du als Mensch in diesem verrückten Business überleben möchtest, musst Du Dich ab und zu auf deine eigene „Verrücktheit“ einlassen, und Dinge ernst nehmen, die eigentlich gar nicht so wichtig sind. Wenn Du möchtest, dass deine Träume wahr werden, dass Du interessante Menschen triffst, mit denen Du arbeiten möchtest, dass Du unabhängig deine eigene Entscheidungen triffst, und Du dafür all die Risiken auf Dich nimmst zu scheitern, und das alles nur für die kleinen Momente dieser erfüllten Träume – ja dann bin ich definitiv verrückt. Klar muss ich verrückt sein – warum sonst diese Leben ohne Garantien, warum sonst das wiederkehrende Lampenfieber vor jedem Auftritt und warum sonst nehme ich die Furcht auf mich, irgendwann das „Geschenk“ meiner Stimme zu verlieren.

Du bist immer noch eine der beliebtesten ESC-Gewinnerin aller Zeiten. Die Fans vergöttern dich für einen Sieg, der über 40 Jahre zurück liegt – die meisten Fans waren damals noch nicht einmal geboren. Wie denkst du darüber?

Für mich ist das alles immer noch ein Wunder. Eine Art Liebesvertrag, den ich in jener Nacht mit Millionen Augen geschlossen habe, die mich auch 42 Jahre danach immer noch sehen können … vielleicht noch lange, nachdem ich nicht mehr hier bin! All diese anhaltende Liebe und das Gefühl geliebt zu werden, von Menschen, die wie du zu recht sagst, noch nicht auf der Welt waren, als ich gewonnen habe, ist ein Mysterium.

Du hast 1973 für Luxemburg gewonnen und nicht für deine Heimat Frankreich. Welche Verbindungen und Beziehungen pflegst du zum Großherzogtum heute?

Wie du weißt, macht Luxemburg nicht mehr beim ESC mit. Nichtsdestotrotz bin ich weiterhin mit Luxemburg verbunden. Hier und da gebe ich in Luxemburg Interviews und die junge Fan-Generation der dortigen OGAE verfolgt mein öffentliches Leben mit großem Interesse. Des Weiteren habe ich gehört, dass ich als eine Art Kulturerbe des Landes angesehen werde, da mein Portrait in einem luxemburgischen Museum ausgestellt wurde. Darüber hinaus fand mein Siegersong „Tu te reconnaitras“ während einer offiziellen Feierlichkeit Verwendung, um Luxemburg zu repräsentieren. In gewisser Weise macht mich das schon stolz!

1979 bekamst du die Chance für Frankreich an den Start zu gehen, woraus mit „Je suis l’enfant-soleil“ dein zweiter Evergreen der Eurovisionsgeschichte entstand. Wir alle wissen, dass du wieder gewinnen wolltest und als ehemalige ESC-Siegerin warst Du sicher „the center of attention“. Wie war das für DIch? Hast Du größeren Druck gespürt?

Als ich damals in Israel ankam fühlte ich natürlich sofort, dass all die Aufmerksamkeit auf mir lag. Als Siegerin von 1973 war es eine harte Herausforderung, aber ich freute mich es noch einmal zu versuchen, um dieses Mal den Sieg nach Frankreich zu bringen. Es war zwar ein enormer Druck, aber es wirkte sich nicht wirklich auf mich aus, da ich darauf konzentriert war mein Bestes zu geben, um diesen Sieg zu holen. Die Bühne und die Musiker waren grandios. Unter solch Umständen auftreten zu können war natürlich ideal. Ich liebte meinen Beitrag von 1979, der aber sehr unterschiedlich zu dem Chanson von 1973 war. Noch heute, habe ich beide Beiträge in meinem Bühnenprogramm. Es war mein erster Aufenthalt in Israel. Ich erinnere mich, dass wir nachts in Tel Aviv ankamen und mit einem Bus nach Jerusalem gebracht wurden. Und ich muss sagen, dass ich bereits auf diesem Weg fühlte, dass dies in allen Belangen ein sehr besonderes Land war. Als ich ein paar Tage später das erste Mal die Möglichkeit hatte die Umgebung zu besuchen, hatte ich den tiefen und starken Eindruck, dass es etwas sehr Einzigartiges und Spezielles mit diesem Land auf sich hat, etwas, das alles was ich in der Bibel gelesen habe, überdauert hat und fortführt. Jeder aus unserer Delegation hatte dieselben Eindrücke und alle waren sehr beeindruckt. Leider war es zu dieser Zeit aus Sicherheitsgründen nicht möglich, alle Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und ich erinnere mich, dass Leute der niederländischen Delegation sogar durch eine Bombe verletzt wurden. Wie Du siehst … dies war eine durchaus harte Zeit.

Du beendetest irgendwann in den 80ern plötzlich deine Karriere. Warum? Was hast Du stattdessen gemacht?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen und erklären, was ich damals dachte, was meine Gründe waren: Ich dachte ich war müde von den vielen langen Reisen, die immer weiter weg von meinem Markt und Heimatland gingen. Ich habe gar nicht gemerkt, dass mein Manager – mit dem ich seit Jahren zusammen lebte – mich immer weiter von meinen musikalischen, französischen Wurzeln wegbrachte. Heute weiß ich, dass er es gehasst hat, wenn ich zu engen Kontakt mit der heimischen Branche hatte. Ich hätte ja Leute treffen können, die mich davor warnen zu lange im Ausland zu sein. Er hatte Angst, dass ich eventuell Chancen nutzen können, die mir bis dahin verborgen blieben. Alles in allem hatte er den einfachen Plan, mich zu kontrollieren. Ich arbeitete hart, habe ihm vertraut und all das gar nicht gesehen und spielte das Spiel nach seinen Regeln. Naja, und wenn Du langsam aber sicher zu Hause aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwindest, verschwindest Du auch aus den Köpfen der Menschen, und irgendwann wurde es sehr schwer in Frankreich noch Engagements zu bekommen. Also begann der Kreislauf mit der Karriere im Ausland von vorne. Letztendlich fasste ich den Entschluss mit dem Singen komplett aufzuhören, und das war im Prinzip auch genau das, was mein Manager und Freund sich erhoffte. Als großer Liebhaber von Natur, dem Land und Pferden, wurde ich (natürlich mit ihm zusammen) eine Pferde- und Bullenzüchterin. Das war eine wirklich tolle Zeit und schöne Erfahrung, aber das Leben erinnert einen irgendwann wieder daran, wozu man berufen und geboren wurde. Meine Berufung war es wieder zu singen! Also feierte ich 2003 mein Comeback, mit großen Startschwierigkeiten, völlig auf mich allein gestellt, aber mit der enormen Gewissheit und Kraft, dass ich in den Jahren als Tierzüchterin sehr viel gelernt hatte.

Nun bist du schon wieder über 10 Jahre zurück im Rampenlicht und es scheint, dass Du immer noch hungrig bist. So hast Du dich 2014 intern erneut als französischer Vertreter für den ESC beworben. Warum wärst Du auch ein drittes Mal eine gute Wahl gewesen? Und wirst Du es nochmals versuchen?

Wenn ich mir den aktuellen ESC anschaue, dann kommt es mir so vor, als ob alle Länder einander kopieren und versuchen im selben Becken zu fischen. Es scheint so, dass alle persönlichen Identitäten und landestypische Besonderheiten verschwunden sind. Fast alle Länder singen auf Englisch – wieso? Wir, die französische Musik, werden seit Jahrhunderten für den Reichtum unserer Sprache, die Schönheit unserer Poesie und für die Emotionen die wir damit transportieren können, geliebt. Wir können diese besondere Qualität also exportieren. Es ist für Nicht-Franzosen vielleicht etwas schwer, diese tiefe Verwurzelung mit unserer Sprache und Kultur zu begreifen. Ich bemerke das immer, wenn ich ausländische Künstler unterrichte, wie schwer es ihnen fällt in diese Universum an Emotionen einzutauchen, die wir alleine durch unsere Sprache erzeugen können. Es ist schwer uns zu kopieren. Und deswegen müssen wir den „Chanson“ genauso exportieren, wie wir erfolgreich andere nationale Produkte in die Welt hinaustragen und zu einem Erfolg machen: Mode, Parfums & Düfte, unsere Sehenswürdigkeiten, den Wein etc. – wir müssen aber im Umkehrschluss auch verstehen und wissen, was nicht unser typisches „Trademark“ ist und dann unsere Finger davon lassen. Vielleicht kann der französische Chanson nicht mehr den ESC gewinnen (wobei ich mir da nicht so sicher wäre), aber mit einer guten Komposition und einem guten Künstler (ich sage bewusst nicht Sänger – gut singen alleine reicht nicht aus, um Emotionen zu erzeugen) könnten wir sicher in die Top 5 kommen und endlich damit aufhören, lächerlich auf den letzten Plätzen zu landen. Wir sollten uns daran erinnern, dass wir ein Land mit großer Kultur vertreten. Wir tragen ja auch die Erwartungen und Hoffnungen unserer Landsleute mit uns, wenn wir unsere Nation vertreten. Sie erwarten ja auch, dass wir sie nicht lächerlich machen und sie wollen stolz auf uns sein. Und ein letzter, für mich sehr wichtiger Punkt: Ein französischer Beitrag kostet sehr viel Geld, der durch unsere Steuern finanziert wird, darüber sollten wir öfters mal nachdenken. Und deswegen denke ich, dass ich bereit wäre, erneut am ESC teilzunehmen, da die Leute mich sicherlich als eine klassische französische Künstlerin einstufen würden. Aber natürlich trifft das auch auf so viele andere französische Künstler zu – wir müssen Sie nur auswählen. Und um die Antwort abzuschließen: Sollte ich eines Tages zum ESC zurückkommen und nicht gewinnen, dann bin ich mir sicher, mein Land trotzdem würdig und ehrenvoll vertreten zu haben. Und darüber hinaus wird 1973 immer mein Jahr bleiben, genau wie mir niemand meinen 3. Platz von 1979 nehmen kann. Es wäre einfach nur eine weitere Herausforderung für mich.

Das sind deutliche Worte zu dem ESC Geschehen in Frankreich. Was würdest du beim internationalen Wettbewerb sofort ändern, wenn du die entsprechende Machtposition hättest?

Zuerst würde ich das Live-Orchester wieder einführen, außerdem die für jeden sichtbaren Jurys und ich würde die Teilnehmer darum bitten in ihrer Landesprache zu singen! Wie du weißt habe ich schon oft bei vielen anderen Wettbewerben in der Jury gesessen und einmal gab es da einen Aseri, der mich (uns!) so sehr beeindruckt hat, dass er meine Punkte bekam. Er sang auf Aserbaidschanisch und ich verstand kein Wort, aber er war es! Also! Emotion und Talent kennen keine Nationalität, denn sie berühren das Herz … oder eben nicht!

Wie ich weiß, bist Du nicht nur eine großartige Künstlerin, sondern auch eine brillante Lehrerin. Ich war 2013 Zeuge, wie Du Conchita Wurst ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg nach Kopenhagen gegeben hast, dass es wichtig ist, diese Möglichkeit sein Land zu vertreten, seriös und ernst zu nehmen. Offenbar ist sie diesem Ratschlag gefolgt. Was würdest Du einem jungen Künstler generell mit auf dem Weg geben, um in diesen berühmten 3 Minuten zu glänzen?

Ich weiß nicht, ob sich Conchita Wurst wirklich an meine Worte erinnerte, als sie die Bühne betrat, aber eines ist sicher: Sie hat genau das getan, was ich ihr sagte, was zu tun sei. Während der 3 Minuten war sie … allein!!! Sie hatte nur diese Chance und so ist dies auch mein Ratschlag: Sei Du selber!!! Sie hatte genau im Fokus, dass sie nur diese 3 Minuten hat, um Millionen von Zuschauern zu überzeugen, und zwar über die Kamera! Sie hatte den Sieg genau im Visier. Man merkte ihr an, dass sie den Sieg zur Not gestohlen hätte und sie zeigte uns allen, dass sie es will. Und deshalb gewann sie. Diese 3 sehr kostbaren Minuten werden für immer ihre sein, denn sie hat Millionen von Menschen währenddessen erreicht … nicht davor … und nicht danach!

Kommen wir noch mal kurz auf deinen Siegersong „Tu te reconnaitras“ zu sprechen. Wir beide trafen uns das erste Mal 2011 und ich machte dir das Angebot den Song neu aufzunehmen – in einem Dance-Pop-Style. Du hast dieses Angebot angenommen und letztlich veröffentlichten wir deinen Evergreen erneut, und Du performst diese Version gerne mal als Zugabe auf deinen Konzerten. Wie reagieren deine Fans darauf?

Sehr gut. Vor allem die jüngere Generation, weil sie merken, dass ein 43 Jahre alter Song auf einmal wieder in einem modernen Stil neu existieren kann. Sie mögen beide Stile. Was ich an der Idee so mochte, war die Tatsache, dass ich meinen Song in einem für mich ungewöhnlichen Stil neu einsingen konnte, mit meiner heutigen Stimme. Ich habe immer abgelehnt Remixe von meinem Song machen zu lassen, aber die Idee, meinen Song komplett neu aufzulegen nach so vielen Jahren, hat dann meine Neugierde geweckt und … wahrscheinlich meine „Verrücktheit“.

Dies war also ein einzigartiges und experimentelles Projekt deine eigenen Songs betreffend. Welche ESC Songs anderer Künstler inspirieren Dich?

Ich habe so viele Ideen rund um das Thema Eurovision, denn es gab ja eine fantastische Ära mit großen Hits und Evergreens in der Vergangenheit. Manchmal singe ich andere Siegerlieder wie “Après toi”, “Halleluja”, “Waterloo” oder “Insieme”, die ich alle aus jeweils unterschiedlichen Gründen liebe. Als ich noch meine Gesangsschule hatte, machte ich zusammen mit meinen Schülern eine ganze Show mit ESC Songs … das war wirklich großartig! Was ich allerdings immer in meine Shows einbaue, ist eine Hommage an meine verstorbene Freundin Frida Boccara mit ihrem so wundervollen Chanson “Un jour, un enfant”, sowie eine von mir ins Französische adaptierte Version des spanischen Beitrags “Algo pequenito” von Daniel Diges aus dem Jahr 2010, um auch Repertoire aus der Gegenwart zu präsentieren. Auf französisch heißt das Lied “Adieu pequenito”, und ich habe es für meine CD “Traces” im Studio aufgenommen.

Anne Marie, tausend Dank für dieses Gespräch und die ehrlichen, ausführlichen Antworten. Hör bitte niemals auf deine Stimme zu benutzen, sowohl musikalisch, als auch als Person mit einer Meinung. Ich bin mir sicher, dass Du immer auf interessierte Ohren stoßen wirst.

Dank Dir Mave … möge Gott alle Kinder der Eurovision beschützen!!! Ich werde Euch immer lieben.

* * *

Weitere Infos zum Buch in der YouTube-Playlist, auf Facebook und auf der Verlagsseite von innsalz‾!

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