DER ESC – ABSOLUT UNBERECHENBAR?

Gab es in 60 Jahren keine Erfolgsstrategien für den Sieg bei Europas Pop-Festival? Ein Versuch einer Antwort von Song-Contest-Consulter Mario Lackner.

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Damals in Lugano hatte ja gar keiner eine Ahnung, was daraus werden wird, niemand ahnte, dass es dieses Festival so lange geben wird“, erinnert sich Lys Assia exakt auf den Tag 59 Jahre nach ihrem Sieg, als wir bei unserem Interview für Friede, Freude, Quotenbringer #60JahreSongcontest im Hotel Imperial in Wien auf ihr kleines Jubiläum anstoßen.

Kaum jemand hatte Mitte der 1950er-Jahre einen Fernseher, die meisten verfolgten Assias Sieg im Radio mit und Luganos kleiner Teatro Kursaal applaudierte sittsam. Eine ausflippende, berauschte Partymeute wie in den Sportarenen und Konzerthallen, aus denen das Spektakel heutzutage in alle Welt gesendet wird, undenkbar! Alles war neu, alles war anders als beim Jubiläumscontest in Wien 2015. Alles? Der Eurovision Song Contest (ESC) hieß zwar noch nicht ESC, aber es war schon anno dazumal ein Liederwettbewerb, zu dem Mitgliedssender der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die (nicht wie der ORF und die BBC die Anmeldefrist übersehen hatten) a) Sänger*innen entsandten und b) nationale Jurys nominierten, die die Beiträge des Abends bewerten sollten. Die Abstimmung war 1956 (bis dato einmalig) geheim und erst ab 1997 wurde auch das Fernsehpublikum via Televoting in die Entscheidungsfindung eingebunden. Genau die damalige Juryentscheidung hinter verschlossenen Türen produzierte schon beim ersten Song Contest ein Skandälchen, sofern man für Klatsch, Tratsch und Sensationsjournalismus empfänglich ist: Luxemburgs Sender RTL hatte keine eigenen Wertungsrichter (-richterinnen hatten damals noch Seltenheitswert) nach Lugano geschickt, sondern übertrug die Aufgabe einfach zwei Schweizern. Außerdem durften die Jurymitglieder damals auch dem Beitrag aus dem eigenen Herkunftsland Punkte geben. Vier Schweizer in einem 14-köpfigen Panel, die noch dazu Höchstwertungen für die Schweiz vergeben dürfen? Kaum verwunderlich also, dass eines der beiden, von Lys Assia gesungenen, schweizer Offerte triumphierte?

Nein, nein und nochmals nein. Nur das Ergebnis des Jahres 1968 bleibt bis dato dubios (vgl. Lackner/Rau 2015:468ff.). 1956 aber hat die Jury „Refrain“ wohlverdienterweise den Grand Prix Eurovision verliehen. Mitbewerber wie Luxemburgs „Ne crois pas“ und Deutschlands „So geht das jede Nacht“ (übrigens vom Österreicher Freddy Quinn gesungen) waren eine Spur zu weit vor – es gewinnen nie die innovativsten, mutigsten Beiträge (siehe Lettlands „Love Injected“ oder Belgiens „Rhythm Inside“ 2015). Und der Rest? Der Rest des Starterfelds (auch Assias zweiter Titel „Das alte Karussell“) war zu vorhersehbar und klang wie alles, was damals an Schlagern und Chansons geboten wurde.

Analysiert man „Refrain“ in den drei Kategorien Song / Sängerin / Show, so kann man der dynamischen, auch mit Überraschungen aufwartenden Kompostion zugute halten, dass sie sofort ins Ohr geht und leicht nachgeträllert werden kann. Ein Umstand, der auch heute noch Erfolgsgarant ist (siehe Schwedens mega Erfolg „Euphoria“ 2012 oder Deutschlands siegreiche dänisch-kalifornische Komposition „Satellite“ 2010). Die Live-Performance von Lys Assia war auf den Punkt und zum Unterschied zu den anderen Teilnehmenden hatte sie einen 5-köpfigen Begleitchor, der schon als unterstützendes Showelement gelten darf. Das Auge hat bei je drei Damen und Herren in Abendgarderobe eben mehr zu goustieren als bei einer Interpretin allein…

Um sich zukünftig Munkeleien rund um die Abstimmung zu ersparen, sammelt die EBU seit 1957 per Telefon- beziehungsweise heute per Satellitenschaltung die Punkte live im Rahmen der Fernseübertragung ein. Die Jurymitglieder dürfen auch nicht mehr den Beitrag der eigenen nationalen Rundfunkanstalt bewerten und so wurde nebenbei auch noch der Aspekt gestärkt, dass es nicht in erster Linie um den eigenen, nationalstaatlichen Erfolg geht, sondern das für einander stimmen, das Gemeinsame, Verbindende. Der Zuspruch anderer entscheidet über Sieg oder Niederlage, nicht eigenes Taktieren oder gar Manipulieren – auch wenn es immer wieder Versuche dahingehend gab und gibt (vgl. diepresse.com).

Ein anderer Punkt im Reglement, nämlich dass der Sender, der den erstplatzierten Beitrag nominiert hat, im nächsten Jahr das Festival organisieren soll, wurde erst 1957 eingefügt. Das erklärt auch, warum der zweite ESC nicht noch einmal in der Schweiz ausgetragen wurde, sondern in einem anderen Teilnehmerland:

Weltkriegsverlierer Deutschland bereits im zweiten Jahr als Veranstalter des ESC – was für ein Statement der Verantwortlichen bei der EBU! Der Gedanke von Versöhnung, Frieden und Zusammenhalt schrieb man sich schon damals im Kreis der westeuropäischen Fernsehmacher nicht nur auf die Fahnen, er wurde gelebt. Der Hessische Rundfunk (HR) widmete sich seiner Aufgabe als Ausrichter des Wettbewerbs mit Verve und dieses Mal waren auch ORF und BBC aktiv mit von der Partie. Österreich gleich beim Debut mit einem etwas deplatziert wirkenden Beitrag über einen Ausritt mit einem „kleinen Pony“, Großbritannien noch nicht wie im Jahr darauf auf Platz 2 – eine Position, die das Vereinigte Königreich bis 1998 fast im Dauerabo belegen sollte.

Schon in den 50ern war es ein Vorteil in der durch den Weltkriegssieg der USA populären Sprache Englisch zu singen. Und schon anno dazumal hatte trotzdem auch ein anderssprachiger Song Chancen das Rennen machen, wenn er Ohrwurmqualitäten besaß und von einem Menschen nicht einfach nur gesungen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert wurde. Im Text aufgehen ist die halbe Miete – auch, wenn die Geschichte „net als toen“ (so wie damals) nur die Zuschauer und -hörerInnen in der niederländischen Heimat und Teilen des Nachbarlandes Belgiens verstanden.

Corry Brokken erzählte auf der TV-Studiobühne in Frankfurt am Main nämlich nicht nur das Lamento einer Ehefrau, die sich in die verliebten Tage ihres jungen Beziehungsglücks mit ihrem Mann zurück sehnte. Nein. Sie war diese Frau, durch und durch, und das kam auch bei den nationalen Jurys an, die zurecht die niederländische Einsendung klar zur Gewinnerin kürten. Absolute Präsenz und Aufgehen im Augenblick kommt bis heute bei Jurys wie Publikum an, ob auf Englisch (siehe Conchita mit „Rise Like A Phœnix“ 2014 oder Loreen mit „Euphoria“ 2012), Serbokroatisch („Molitva“ 2007), Italienisch (Televoting-Sieger „Grande amore“ 2015) oder auch in einer Fantasiesprache beziehungsweise so gut wie gänzlich ohne Text (Platz 2 für „Sanomi“ 2003 und Platz 1 für „Nocturne“ 1995).

Gratuliert wurde 1957 Corry Brokken und dem gesamten siegreichen Team übrigens auf Niederländisch, nachdem der Fernsehabend durchgehend auf Deutsch moderiert worden war, exklusive der Einsprengsel auf Französisch und Englisch während der Punktevergabe. Die Verabschiedung bis zum nächsten Grand Prix passend zur damaligen Experimentierphase der Television: „Wir hoffen, Sie hatten einen guten Empfang. Auf Wiedersehen!“

Seit 1958 irren auch Jurys

Hand aufs Herz: erinnert sich außer der Hardcore-Fangemeinde noch jemand an den Siegertitel „Dors, mon amour“ von 1958? Und wer kann im Gegensatz dazu beim Drittplatzierten „Nel blu dipinto di blu“ (besser bekannt als „Volare“ oh-ho, cantare, oh-ho-oh-oh) nicht mitsummen? Domenico Modugno sang einen der bis heute meist gecoverten Popsongs und schenkte damit dem Song Contest seinen ersten Welterfolg.

Der Geschmack der Jurys ging nicht zum letzten Mal an dem der Masse vorbei, was auch in den 80er-Jahren dazu führte, dass sich die Veranstaltung immer mehr und mehr vom Zeitgeist entfernte und zu einer unfreiwillig komischen Blase mutierte, was erst mit Abschaffung der Jurys 1997/’98 korrigiert werden konnte (vgl. Lackner/Rau 157ff.+351f.). 2009 kehrten das „Expertenpanel“ aber wieder teilweise zurück. Seither bestimmt das Publikum via Televoting nur noch zu 50 % mit, was 2015 erstmals dazu führte, dass nicht der Publikumsfavorit gewann, sondern der Liebling der Jurys. Deswegen muss beim Konzipieren eines potenziellen Siegersongs auch immer im Auge behalten werden, was aktuell als cool und angesagt gilt. Eine Fernsehzuschauerin kann unbeobachtet von den anderen Partygästen zig Mal auch für einen wirklich kitschigen Bombast-Schmachtfetzen wie „Grande amore“ (Italien 2015) abstimmen, aber ein Mitglied einer Fachjury, dessen Wertungstabelle im Anschluss an den ESC veröffentlicht wird? Das erklärt auch, warum die Jurys beim Sieg von Conchita Wurst 2014 deutlich verhaltener als die televotenden Massen Österreich auf Platz 1 setzten. Gruppendruck führt zweifellos zu anderen Ergebnissen (vgl. spektrum.de) und das nicht erst seit „Rise Like A Phœnix“, was nach 1958 auf für 1959 gilt, als Dominico Modugno mit einem weiteren Evergreen in der Geschichte der Eurovision – „Piove (Ciao, ciao bambina)“ – gar nur auf den 6. Rang gewertet wurde.

Unschuld als Erfolgsrezept

1960 sollten dann der Geschmack der Jurys mit dem der Allgemeinheit wieder zusammengehen. Frankreichs „Tom Pillibi“ kann als erster kommerziell erfolgreicher Siegersong gelten, der erst vier Jahre später von Italiens „Non ho l’età“ (unvergessen interpretiert von Gigliola Cinquetti) überboten wurde. Die Siegesformel beider Beiträge war ähnlich und sollte auch bei France Gall und „Poupée de cire, poupée de son“ 1965, Irlands Erfolg 1970 (Dana, „All Kinds Of Everything“), Deutschlands „Ein bißchen Frieden“Nicole 1982 und wohl am offensichtlichsten bei Belgiens Triumph 1986 (Sandra Kim mit „J’aime la vie“) seine Wirkung nicht verfehlen:

Unschuld. Blutjunge Frauen holten für ihrer Nationen mit gefälligen Melodien keck und (vordergründig) unbeschwert die Kohlen aus dem eurovisionären Feuer.

Never change a winning team

1961 ging der Grand Prix nicht an die poppigeren Allisons mit „Are You Sure?“, sondern an das getragene „Nous les amoureux“, 1962 machte einsame Klasse das Rennen (Isabelle Aubret sang nicht nur über die erste Liebe, sie war drei Minuten lang „Un premier amour“) und 1963 bewirkte eine nachträglich, aber noch in der Live-Sendung korrigierte Juryentscheidung aus Norwegen, dass der liebe Nachbar Dänemark gewinnt und nicht Esther Ofarim, die für die Schweiz flehentlich „T’en vas pas“ ins unsichtbare Mikro säuselte.

Der Sieg Udo Jürgens 1966 ist der Beweis dafür, dass, wenn man sich eingehend mit dem Song Contest beschäftigt und Jahr für Jahr sein Rezept verfeinert, die Chancen hoch sind, auf der Punktetafel ganz oben zu landen. Nachdem er 1964 mit „Warum nur, warum?“ 6. und 1965 mit „Sag ihr, ich laß sie grüßen“ 4. geworden war, reichte es 1966 tatsächlich für den 1. Platz. Auch die Ukraine reflektierte (bei ihrem Debut 2003) via CFC Consulting selbstkritisch ihren Auftritt. Aus dem mittelprächtigen Ergebnis von Oleksandr Ponomariov wurden im Beraterteam die richtigen Schlüsse gezogen und so traf man 2004 mit Ruslanas „Wild Dances“ punktgenau ins Schwarze (vgl. Jordan 2015:13). Platz 1.

Kein Wunder also, dass das Land regelmäßiger in den Top Ten landet als Österreich, wo der Erfahrungsschatz von Jürgens & Co. nicht in die Herangehensweise des ORF in den Folgejahren überging (vgl. Wolther/Lackner 2014:27).

Damit reiht sich Österreichs Staatssender in die Mehrheit aller noch folgenden siegreichen Fernsehteams ein. Schwedens SVT sticht jedoch seit dem Triumph mit ABBAs „Waterloo“ 1974 heraus. Die Schwed*innen vermögen es mindestens alle 10 Jahre den ESC für sich zu entscheiden (1984, 1991, 1999, 2012 und 2015) und sie schaffen es nicht nur wie Irlands RTÉ (so gut wie duchgehend siegreich von 1992 bis 1996) die Jurys für sich zu begeistern, sondern auch das seit 1997/’98 mitbestimmende Publikum. Das Geheimnis des Erfolgs der Nordmänner, -frauen und -transgenders? Das Melodifestivalen (der jährliche Liederwettbewerb der SVT) und die „Popkulturförderfreudigkeit Schwedens Politik“ (Lackner/Rau 2015:145), die dazu beitragen, dass die skandinavische Musikindustrie insgesamt floriert und mittlerweile viele am ESC teilnehmende Fernsehsender Kompositionen aus Schweden zukaufen, um beim Song Contest vorne mitzuspielen. Prominentes Beispiel 2015: Russlands 2. Platz mit „A Million Voices“, interpretiert von Polina Gagarina.

Schlussfolgerungen

Nach Betrachtung a) der unterschiedlichen Komponenten, aus denen sich ein ESC-Beitrag zusammensetzt – Song, Sänger*in(nen), Show – und b) der (bereits seit den Anfängen des Wettbewerbs) zum Ziel führenden Qualitätsmerkmale, die die Ukraine (via Consulting), Schweden (dank langjähriger Strategie seit den 70er-Jahren), Russland oder etwa die bis jetzt nicht erwähnte Ex-Sowjetrepublik Aserbaidschan (via Zukauf von schwedischem Know-how) in ihre Produktionen einarbeiten, wird eine These, die selbst von ESC-Sieger*innen vertreten wird, unhaltbar:

Der Song Contest sei „absolut unberechenbar“, „jeder Titel“ hätte „eine Chance zu gewinnen“ (derstandard.at).

Diese These ist zwar eine willkommene Argumentationslinie für erfolglose teilnehmende Künstler*innen, Plattfirmen und TV-Stationen, entspricht aber nicht dem Boden der Tatsachen, der sich am besten durch die Platzierungen in den letzten fünf Jahren der erwähnten vier Ländern illustrieren lässt, mit denen kein anderes mithalten kann:

Schweden Russland Aserbaidschan Ukraine

2015

# 1

# 2

# 12

2014

# 3

# 7

# 22

# 6

2013

# 14

# 5

# 2

# 3

2012

# 1

# 2

# 4

# 15

2011

# 3

# 16

# 1

# 4

Durchschnitt

4,4

6,4

8,2

7

Die Fakten sprechen für sich. Die Frage ist jetzt, wann diese Erkenntnis in den Chefetagen anderer siegeswilliger Sender ankommt und auch die Medienwelt ihr Bild vom im Wirklichkeit um einiges weniger unberechenbaren ESC korrigiert, bei dem seit nunmehr 60 Jahren die Teams beste Chancen auf Erfolg haben, die die Spielregeln durchschauen und entsprechende Handlungen setzen. Seien wir gespannt auf die Folgeaktivitäten bei NDR, ORF, SRF & Co.!

FORTSETZUNG MIT EINEM RÜCKBLICK AUF DIE 70er/80er/90er HIER!

Literatur

derstandard.at/1397521434127/Chat-mit-Conchita-Wurst (8.11.2015)

diepresse.com/home/kultur/songcontest/4738489/ESC_JuryVoting-von-Montenegro-und-Mazedonien-annulliert (8.11.2015)

Jordan, Paul (2015) From Ruslana to Gaitana: Performing „Ukrainianness“ in the Eurovision Song Contest. In: Contemporary Southeastern Europe. 2015, 2 (1), 110-135. Abgerufen via suedosteuropa.uni-graz.at/cse/sites/default/files/papers/jordan_from_ruslana_to_gaitana.pdf (8.11.2015)

Lackner, Mario R. / Rau, Oliver (2015) Friede, Freude, Quotenbringer. #60JahreSongcontest. innsalz¯, Ranshofen.

spektrum.de/news/schon-zweijaehrige-kennen-den-gruppendruck/1315963 (8.11.2015)

Wolther, Irving / Lackner, Mario (2014) Conchtita Wurst – backstage. edition innsalz, Ranshofen.

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